Warum wir uns mit Entscheidungen oft so schwertun – und wie wir das ändern können

Letzte Woche hatten wir Besuch von einer lieben Freundin und bei einem Glas Wein am Lagerfeuer fragten wir sie, wie es ihr ginge und was sie aktuell für Pläne habe. Es ginge ihr nicht so toll, erzählte sie uns, denn sie sei sehr unglücklich mit ihrer Wohnsituation und unzufrieden in ihrem Job. Sie wolle nicht länger in der anonymen Großstadt leben, wo sie allmählich vereinsame, sondern aufs Land ziehen, wo Natur, Ruhe und vor allem Familie und Freunde aufs sie warteten. Sie ist top ausgebildet, hat den Kopf voller Ideen, will anpacken, verändern und strotzt nur so vor Energie und Tatendrang. – Jedenfalls war das mal so … Doch ihr Arbeitgeber ruft all diese Eigenschaften nicht ab, sie verkümmern regelrecht und jetzt steht sie kurz vor einem Bore-Out. In sämtlichen Lebensbereichen herrscht Unzufriedenheit, ihre Energie nimmt zusehends ab, ihr Selbstvertrauen sinkt – es kommt immer mehr zum Stillstand in ihrem Leben. Die Katze beißt sich in den Schwanz, denn ohne einen sicheren Job, traut sie sich nicht umzuziehen, doch saugt der jetzige ihr die Energie, sich um einen neuen zu bemühen, und außerdem ist das mühselig, wenn man nicht vor Ort ist. Zudem weiß sie nicht, ob sie eine Wohnung mieten oder doch lieber ein Häuschen kaufen möchte. Und wie soll sie das entscheiden, ohne mit einem konkreten Einkommen planen zu können? Sie dreht sich im Kreis, und das bereits seit Jahren. Als ihre Freunde ist es für uns schwer, mit anzusehen, wie sie immer noch unglücklicher wird. Dabei liegt für uns die Lösung auf der Hand: Sie muss eine Entscheidung treffen. Den Teufelskreis der Grübeleien und Unwägbarkeiten durchbrechen und irgendwo den Anfang machen.

Der Bauch weiß den Weg

Doch Entscheidungen treffen scheint mit das Schwerste im Leben zu sein. Wohnungen kann man kündigen, Jobs kann man wechseln, vieles lässt sich rückgängig machen oder erneut ändern. Warum fällt es uns dennoch so schwer, uns für etwas zu entscheiden?
Als ich mich vor ein paar Jahren selbstständig machte, war das die härteste Entscheidung meines Lebens. Die vermeintliche Sicherheit eines Arbeitgebers freiwillig aufzugeben erschien mir, durch die Brille meiner Erziehung betrachtet, als schier wahnsinnig. Ich wuchs auf in der Suggestion, dass ich froh sein könne, überhaupt einen Job zu haben und dass alles daran gesetzt werden müsse, diesen zu behalten. Festanstellung, ein sicheres Einkommen, versichert sein – das galt es zu erreichen und dann unbedingt festzuhalten.


Der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt dies als typisches Verhalten der „alten Mittelschicht“, wie er sie nennt. Er meint damit die Mittelschicht der 50er, 60er, 70er, sogar bis in die 80er Jahre hineinreichend, also auch unsere Elterngeneration. In dieser galt es, ein Heim (meist im ländlichen Gebiet), eine Familie, einen gewissen sozialen Status aufzubauen und diesen erreichten Status Quo dann ein Leben lang zu halten. Somit ist es verständlich, dass meine Eltern, bei dem Gedanken, ich könne freiwillig meinen Job aufgeben, schlaflose Nächte hatten. Doch ist unsere Gesellschaft nicht mehr dieselbe, wie in der sogenannten „goldenen Zeit“. Die „neue Mittelschicht“, wie Reckwitz sie aus Ermangelung einer expliziteren Bezeichnung nennt, vertritt andere Werte, wie beispielsweise individuelle Selbstverwirklichung. Sie ist auch flexibler, handelt agiler, ist digital – wer bleibt denn heute noch sein ganzes Leben bei ein und demselben Arbeitgeber? Warum auch? Loyalität zahlt sich nur noch in den seltensten Fällen aus, denn Arbeitnehmer gelten als jederzeit austauschbar. Viele Jahre war ich also in dem Zwiespalt gefangen, zu tun, was mir vorgelebt und anerzogen worden war („Halt die Füße still, bleib in deinem Job, auch wenn du dich dort nicht wohl fühlst. Sei dankbar, dass du einen Job hast; Sicherheit ist das Wichtigste.“) und dem, was mir mein Umfeld zeigte („Du bist unglücklich in deinem Job? – Dann kündige und finde einen anderen, der besser zu dir passt, in dem du dich einbringen und verwirklichen und in dem du etwas bewirken kannst. Wenn nicht hier, dann in einer anderen Stadt, einem anderen Land. Und wenn das auch nichts für dich ist oder du nach einer Weile Lust auf etwas Neues bekommst, dann gehst du eben woandershin. Du hast alle Möglichkeiten!“). Ja, wir haben heutzutage alle Möglichkeiten, können beruflich machen, was wir möchten, können leben wie, wo und mit wem wir wollen. Doch das kann ebenso eine Entscheidungsblockade hervorrufen, denn wenn es in keinem Lebensbereich einen Fixpunkt gibt, etwas, das einen gewissen Rahmen vorgibt und von dem aus man sich den Rest erschließen kann, ist man haltlos.

 

 

Ich habe furchtbar lange gebraucht, um mich von Einflüssen meines Umfelds und meiner Erziehung frei zu machen und darauf zu hören, was ich eigentlich möchte, was mein Bauchgefühl mir sagt. Doch schließlich rang ich mich durch und sprang ins Ungewisse; ich kündigte meinen Job und machte mich als Lektorin selbstständig. 

Entscheidungen treffen will geübt sein

An dem Tag, als Uli und ich das Wohnmobil kauften, mussten wir nach Vertragsunterzeichnung rechts ranfahren und auf einem McDonalds-Parkplatz halten, weil ich glaubte, mich übergeben zu müssen. So viel Geld auf einmal hatte ich noch niemals ausgegeben. Was, wenn es die falsche Entscheidung war? Wenn das Fahrzeug unter der Haube ein Wrack oder die ganze Reise eine fatale Schnapsidee war? Während ich also schweißgebadet mit meinem Magen und meinen Nerven kämpfte, futterte Uli in aller Seelenruhe einen Burger. Er fand es lustig, wie ich im Fast-Food-Restaurant Atemübungen machte und mit dem Kopf zwischen den Knien darum rang, nicht in Panik zu verfallen. Wie konnte er nur so ruhig bleiben?!, fragte ich mich. Schließlich waren wir im Begriff, unser gesamtes bisheriges Leben aufzugeben, alles hinter uns zu lassen, um auf eine ungewisse Reise zu gehen. Und dabei waren wir beide der größte Unsicherheitsfaktor: Zwar kannten wir uns schon lange, aber nicht sehr gut, nur so, wie sich lockere Freunde eben kennen. Was, wenn wir uns nicht verstanden? Wenn die Macken des anderen uns bereits nach einer Woche in den Wahnsinn trieben? Wenn es eben einfach nicht möglich war, auf drei Quadratmetern zusammenzuleben, wenn man kein Paar war? Und da machten wir jetzt eine so große, gemeinsame Anschaffung?!


Der Grund, warum Uli das mit einer absoluten Gelassenheit betrachten konnte, war, weil er bereits Entscheidungen mit großer Tragweite getroffen hatte. Er hatte Jobs gekündigt, ohne etwas Neues zu haben, hatte eine eigene Firma gegründet, viel Geld investiert. Durch diese Erfahrungen hatte er die Zuversicht und Erkenntnis erlangt: Es geht immer irgendwie weiter.
Was konnte uns schon passieren? – Sollten wir uns nicht verstehen, kämen wir nach drei Wochen eben von unserer großen Reise zurück, würden das Wohnmobil wieder verkaufen, uns Jobs und Wohnungen suchen und weitermachen wie zuvor. Wir hätten nichts verloren. Aber wir hätten es wenigstens versucht! Und immerhin drei Wochen lang was von der Welt gesehen.

Den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen

Nach der Entscheidung zur Selbstständigkeit, waren die nachfolgenden Entscheidungen schon nicht mehr so schwer: die schöne Stadtwohnung aufgeben, das Auto und sämtliche Möbel verkaufen, Freunde und Familie zu verlassen, um auf unbestimmte Zeit mit einem herzkranken, klapprigen Hund und einem Bekannten im Wohnmobil durch die Welt zu tingeln und von unterwegs aus arbeiten? – Pah, ein Klacks, sich dafür zu entscheiden!
Inzwischen sind Uli und ich verdammt geübt im Entscheidungentreffen. Wir haben uns entschieden, zusammen zu arbeiten und einen Verlag gegründet; ein Leben lang zusammenzubleiben und geheiratet; dem lauten Stadtleben den Rücken zu kehren, aufs Land zu ziehen und keine horrenden Mieten mehr bezahlen zu müssen und ein Haus gekauft. Wir haben unser Bauchgefühl durch all die vielen Entscheidungen geschärft und können ihm jetzt absolut vertrauen. Das heißt nicht, dass wir Entscheidungen leichtfertig treffen, aber wir wissen, dass keine Entscheidung zu treffen, keine Alternative ist.

 

So einfach, wie das vielleicht klingt, ist es natürlich auch nicht immer. Viele Entscheidungen brauchen Zeit, müssen in uns reifen und jeder Mensch ist da auch wieder anders gestrickt. Vor der Entscheidung zu unserer gemeinsamen Reise, hat Uli zum Beispiel auch zwei Jahre quasi überhaupt nichts entschieden. Nach intensiven Jahren voll vieler, großer und kleiner Entscheidungen, hat er zwei Jahre Pause gemacht, die Dinge passieren lassen, sich etwas erholt, auf einen neuen Impuls gewartet, der ihn wirklich packt. Offenbar sind solche Phasen ebenso wichtig, auch, um mal das Tempo rauszunehmen. Doch scheint es ein sehr schmaler Grad zu sein, zwischen gut Abwägen und Warten, bis man wirklich bereit für etwas ist, einerseits und auf der anderen Seite den Zeitpunkt zu verpassen, an dem man aktiv eine Entscheidung trifft und seine Energie in diese Richtung bündelt, bevor man ins Trudeln gerät, Zeit verstreichen und Dinge einfach so geschehen lässt. Wir glauben, zu hundert Prozent sicher kann man nie sein, bevor man springt. Ist aber auch nicht nötig, es reichen achtzig Prozent. Die letzten zwanzig ergeben sich auf dem Weg. Das Leben ist nicht statisch und so sind auch die Entscheidungen, die wir heute treffen, für ein Morgen und Übermorgen getroffen, welche wir noch gar nicht kennen. Wir haben aber die Chance, sie aktiv mitzugestalten und zu verändern.

 

Was bedeutet das jetzt für unsere Freundin? Noch hat sie einen Job, den sie sogar komplett im Home Office ausüben kann und darf. Sie könnte also die Entscheidung treffen, dass aufs Land zu ziehen jetzt wirklich durchgezogen wird, sich eine kleine, günstige Wohnung mieten, die sie im Zweifel auch vorübergehend mit einem weniger gut bezahlten Job finanzieren könnte. Von da aus könnte sie einen neuen Job suchen und später, mit geregeltem Einkommen, sich ein Häuschen kaufen. Womöglich stellt sie nach einiger Zeit fest, dass das Landleben sterbenslangweilig ist und ihr die Großstadt fehlt und sie beschließt, zurück zu ziehen. Doch dann wäre es eine gezielte Entscheidung für etwas und nicht das Hinnehmen eines Istzustands aus Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, und sie würde ihr Leben in der Stadt ganz sicher mit anderen Augen betrachten als jetzt.

Wenn wir eins gelernt haben in den letzten Jahren, dann, dass wenn man sich bewegt, sich die Dinge schon irgendwie fügen. Und dass es weitaus weniger schlimm ist, eine falsche Entscheidung zu treffen, als überhaupt keine, denn das bedeutet Stillstand und Stillstand führt zu gar nichts. Wenn nicht jetzt ...

 

Oder, um es mit den gern zitierten Worten Marc Aurels zu sagen:
»Man bereut nie, was man getan, sondern immer, was man nicht getan hat.«

 

 

 

 


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