Der Reinighof – Gemeinschaftlich, autark und artgerecht leben

»Biotopia« nennt die derzeit zehnköpfige Hausgemeinschaft ihr Wohn- und Arbeitsprojekt. Bereits seit den 70er Jahren finden sich Menschen auf dem Reinighof im Pfälzer Wald zusammen, die nach einem Leben in Gemeinschaft suchen, nach mehr Nähe zur Natur, mehr Raum für die eigene Entfaltung und ein friedvolles Miteinander. Auch unser Autor Christian (»Holy Bearshit«) lebt seit nunmehr acht Jahren in der Hofgemeinschaft im Pfälzer Wald. Als ausgebildeter Gärtner trägt er auf einem Selbstversorgerhof natürlich zum Wesentlichen bei: Gemüse, Obst, Kräuter, Tee – und Liköre.

Eine der Leitfragen der kleinen Gemeinschaft lautet: Wie kann man so leben, dass wir den Generationen nach uns eine gesunde Erde hinterlassen? Unter diesem Gesichtspunkt ist das Leben auf dem Reinighof nicht nur weitestgehend autark, sondern natürlich auch äußerst nachhaltig und umweltbewusst. Neben dem großen Permakulturgarten, Solarstrom und einer eigenen Frischwasserquelle, an die eine Widderpumpe angeschlossen ist, die nur durch die Stoßkraft des Wassers das Haus mit Wasser versorgt, gibt es hier zum Beispiel auch eine aufwendig gebaute Pflanzenkläranlage.

 

Als Ort der Begegnung und des Austauschs veranstaltet der gemeinnützige Verein Reinighof e.V. regelmäßig Seminare und Vorträge über ökologisches Gärtnern, Kräuterwanderungen, zahlreiche Veranstaltungen und Kinder-Camps auf dem eigenen Zeltplatz, Yogakurse, Konzerte, Lesungen und vieles mehr. Dabei sehen die Reinighof-Bewohner ihr Wohn- und Lebensprojekt lediglich als Versuch an, voneinander zu lernen, Dinge auszuprobieren. Stete Veränderung und Offenheit für neue Einflüsse und Ideen sind somit ein wichtiger Antrieb. 

Einen Eindruck vom Leben auf dem Reinighof bekommst du in dieser kurzen SWR-Reportage:


Mehr über das außergewöhnliche Wohnprojekt und

die Arbeit seiner Bewohner erfährst du unter www.reinighof.de


Aussteiger Storys

Viele würden die Bewohner des Reinighof wohl als Aussteiger bezeichnen. – Aber sind sie das wirklich? Sehen sie sich selbst auch so? Was macht einen Aussteiger eigentlich aus? Diesen Fragen geht Christian in seinem neuen Buch »Aussteiger Storys« nach, an dem er gerade schreibt. Dafür hat er sich diesen Sommer wieder auf Reisen begeben und ist mit seinem bunten Bus Paul durch Deutschland getourt. Paul war schon damals Christians treuer Begleiter gewesen, auf der Reise durch die Wälder Osteuropas, auf der Suche nach den letzten Bären. Die Geschichte dieser vom Zufall gesteuerten Odyssee erzählt er in seinem Buch »Holy Bearshit«. Diesmal machte er sich auf, um einige „Aussteiger“ zu treffen, sie zu interviewen und zu schauen, wie sie so leben.

Selbst ein Mitglied dieser Randnischen-Lebensweise kann er diesen illustren Menschen mit viel mehr Offenheit und Einfühlungsvermögen begegnen, als es ein neutraler Außenstehender könnte. Gleichzeit wird in seinen Gedanken und Beobachtungen deutlich, wie facettenreich und vielfältig das Aussteiger-Dasein doch ist! 

 

Mit viel Charme, Witz und nicht zuletzt einer gesunden Portion Selbstironie beschreibt Christian die Lebenswelten der Menschen, die er besucht und porträtiert sie auf liebenswerte Weise. Bei aller Leichtigkeit und Lebensfreude, die seine Geschichten vermitteln, ist »Aussteiger Storys« keineswegs ein unkritisches Loblied einer naiv anmutenden Lebensweise, sondern vielmehr ein selbstreflektierendes Beobachten. Mitten auf einem dreitägigen Rainbow Festival fragt sich Christian beispielweise: „Wozu das alles? Ist das, was ich und die anderen Randnischenfreaks so tun, ein aktiver Beitrag zur Beendigung des Artensterbens oder nur sentimentaler Selbstzweck? Machen wir Träumer die Welt besser oder dient unsere Weltverbesserei nur der eigenen Extravaganz?“


Leseprobe

Am unterhaltsamsten war die Diskussion der beiden, wer denn nun zur Gitarre richtig intonierte und wer schräg dazwischen pfiff. Klaus ließ sich das nicht lange gefallen, denn er sei ja schließlich der Tubist des Turiner Radio-Philharmonie-Orchesters gewesen und habe überall auf der Welt Konzerte mit seiner Tuba gegeben. Buenos Aires, Vietnam, Mongolei, Russland.

Russland. Da wollte er ja auch eigentlich hin, bis er wegen Corona auf dem Beuerhof gelandet ist. Er kam auch von dort, war hier, um ein neues Visum zu beantragen und als er es endlich hatte, waren die Grenzen dicht. Eine Freundin schickte ihn auf den Beuerhof. Da war er nun und gerade ging es ihm hier so gut, das er es auch nicht eilig hatte, weiter zu ziehen.

„Ich lebe nur noch im Hier und Jetzt. Was anders kann ich auch gar nicht mehr.“

Klaus sagt, er sei immer schon renitent gewesen.

„Ich flog vor dem Abi von der Schule, wegen gezielter Beleidigung eines Leerkörpers. Ab da habe ich einfach gemacht, was ich wollte. Ich fing an Tuba zu spielen.“

Zwei Jahre später schon nahm er mit dem Dirigenten Sir Georg Scholti und  dem Orchester des Bayerischen Rundfunks die Alpensymphonie auf. Bald darauf kaufte ihn das Orchester des Saarländischen Rundfunks ein. Währenddessen studierte er Musik in München, auch ohne Abi. Er setzte sich in einer Aufnahmeprüfung gegen 40 Konkurrenten durch. Das Saarland war dann bald wieder gegessen. Rauswurf wegen Störung des Betriebsfriedens. Aber das machte ihm nicht viel aus. Mit seinem alten Mercedes fuhr er kreuz und quer und fand immer wieder Orte und Menschen, die ihn einluden.

Klaus war anders und polarisierte. Aber er war zu gut in seinem Anderssein, zu charakterstark, als das sein Talent irgendwo hätte versanden können. Er spielte auf der ganzen Welt mit Orchestern oder auch als Solist, arbeitete mit Dirigenten wie Osawa, Leo Bernstein oder Raphael Kobili zusammen. Er fiel auf im schwarzweiß gestrichenen Orchester. Er war der Farbtupfer.

Nachdem er 1984 in die DDR ausgewandert war, um dort in einer Free Jazz Big Band zu spielen, zog er ein Jahr später als Einsiedler ins Piemont am Berg Monte Viso, wo der Po entspringt. Für einen Freund renovierte er ein Häuschen und fand in der Natur zu einer tiefen Erdverbundenheit. Seither war er nur noch barfuß unterwegs,  für den besseren Kontakt nach unten.

 

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Ich persönlich komme mir hier schrecklich normal vor. Ein alternativer Randnischenfreak unter alternativen Randnischenfreaks. Würde ich hier jedes Mauerblümchen beschreiben, würde sich eine Enzyklopädie der soziokulturellen Randnischen und ihrer Bewohner füllen. Dafür bleibt mir keine Zeit. Ich purzele von einer Begegnung zur nächsten. Bleibe ich bei einer Pflanze zu lange hängen, verpasse ich die ganze Wiese und deswegen entscheide ich mich, nicht zu sehr die Individuen, sondern das Biotop als Ganzes zu beschreiben. Es ist bunt, es ist klangvoll, es riecht nach Räucherstäbchen und es ist so, wie es sich keiner der bis dato braven Nachbarn erträumen lässt. Ja, es bedient viele Klischees, und gleichzeitig löst es sie immer wieder in ihre Bestandteile auf. Ich fühle mich wie Chewbacca, dieser  Bären-Hunde-Yeti von Star-Wars, in der Taverne auf dem Planeten Tatooin, wo sich jegliches Weltraumgesocks auf ein Bier oder ein psychedelisches Tränklein trifft. Viele bunte Wesen, die in vielen bunten Welten leben und nun einen dicken Farbtupfer ins nordhessische Fachwerk-Schwarzweiß klecksen.

Meinem Seelenbruder und seiner hündischen Natur tut das hier auch sehr gut. Er darf Tofu-Würstchen klauen und kriegt dafür noch seinen haarigen Hintern getätschelt. Ja, hier ist die Welt in Ordnung, zumindest ein paar Tage lang.

So treibt das grelle Narrenschiff durch die Nacht dahin. Immer mehr Leute tauchen auf, woher auch immer. Es gibt sie, und sie sind mitten unter uns. Und wenn sie sich versammeln zum Feiern, dann dehnt sich das Universum, biegt und windet sich vor Freude.

Irgendwann steht die Polizei vor der Tür, also hinter dem fahrenden Tempel von Fahrender Tempel, in dem vermutlich immer noch die arme Violett inkarniert ist. Irgendeinem Nachbarn war es dann wohl doch zu laut. Leider wollen die Beamten nicht rein kommen. Ich hätte gerne ihre Gesichter gesehen.

Die Tanzparty wird in den Stall verlagert. Ansonsten gibt es Hare Krishna and friends ums Feuer bis zum Morgengrauen. Erst ein satter Regenguss verscheucht die Gemeinde. Fast. Ein paar ganz Ergriffene ziehen sich nackt aus, trommeln und rasseln und singen ohne Unterlass: „Erde, meine Mutter! Himmel, mein Vater!“

 


»Aussteiger Storys« wird 2021 erscheinen. Du kannst hier deine E-Mail-Adresse eintragen, wenn du von uns über den Veröffentlichungstermin informiert werden möchtest:

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