»Fahrtwind – Mit dem Klapprad von Rio bis nach Kanada«

von Cem Özulus 

 

Cem arbeitete erfolgreich als Ingenieur in der Automobilbranche. Er hatte einen guten Job, ein schönes Zuhause, viele Freunde – eigentlich also ein prima Leben! Und doch nagten Fragen an ihm, wie: Ist das wirklich das Leben, das ich mir ausgesucht habe? Möchte ich so für immer weitermachen? Muss es da nicht noch mehr geben? Diese Fragen wurden immer beharrlicher. Schließlich kündigte er seinen Job, vermietete die Wohnung unter und machte sich auf zu einer abenteuerlichen Reise von Brasilien nach Kanada – auf einem Klapprad!

 

In einer Favela in Rio gerät er um ein Haar in eine Schießerei; im Dschungel des Amazonas zwingt ihn ein plötzliches Fieber in die Knie und er wird von einem Schamanen geheilt; er wird ausgeraubt, bedroht, beinahe überfahren und flickt unzählige Reifen. Doch erlebt er auch sagenhafte Natur, aufregende Städte und die Gast- und Hilfsbereitschaft zahlreicher Menschen. Nebenbei erfährt er auch noch die Wahrheit über Hitler … ;)

 

196 Seiten

Paperback
ISBN 978-3-947824-44-1

 

Veröffentlichung und Auslieferung am 21.08.2021

Taschenbuch Fahrtwind

12,95 €

  • verfügbar

Über den Autor

Cem Özulus ist 38 Jahre alt und lebt in München. Manchmal jedenfalls. Denn seit er 2017 dem erfolgreichen Konzernleben den Rücken kehrte, um mit dem Klapprad von Brasilien bis nach Kanada zu fahren, ist er nie wieder ins „normale Leben“ zurückgekehrt. Er fand, es müsse im Leben noch mehr geben als Karriere und Erfolg und stürzte sich ohne Reiseführer und konkrete Route ins Abenteuer. Dabei war er stets auf der Suche nach Begegnungen mit spannenden Menschen und einmaliger Natur.

Heute verkauft der umtriebige Weltenbummler deutsches Brot in die USA.


Impressionen aus dem Buch


Leseprobe

Nicht die zirpenden Grillen, die summenden Mücken oder die schreienden Affen sind es, die mich in der Nacht aus dem Halbschlaf reißen. Das unangenehme Gefühl von prasselnden Regentropfen im Gesicht zwingt mich, aus der vom Moskitonetz umhüllten Hängematte herauszukrabbeln. Nacheinander verlassen alle ihre durchnässten Schlafplätze und suchen Schutz vor dem starken Regen. In mir breitet sich ein unwohles Gefühl aus. Schüttelfrost, Kraftlosigkeit und weiche Knie sind erste Alarmsignale meines Körpers. Rapide verschlechtert sich mein Zustand in den folgenden Stunden. Mit Fieber, Übelkeit und Erbrechen erreiche ich körperlich endgültig den Tiefpunkt. Die Angst, an Malaria oder einer anderen Tropenkrankheit erkrankt zu sein, packt mich. Die entsprechende Medizin liegt natürlich im Hostel, acht Boots- und zwei Busstunden entfernt. Genau jetzt, wo ich sie am dringendsten benötige, fehlt sie. Besorgte Blicke und Hilflosigkeit herrschen innerhalb der Gruppe.

»Keine Angst! Wir haben hier keine Malaria«, versucht Jorge zu beruhigen.

Auf die Frage, ob er sicher sei, entgegnet er:

»Mir ist kein Fall bekannt.« Eine Antwort, die mich nicht wirklich beruhigt.

Nach einer schlaflosen Nacht tragen Jorge und Nico mich früh am nächsten Morgen ins Boot. Mit allem, was das kleine Fischerboot hergibt, rasen wir zwischen den Wäldern hindurch. Für einen Augenblick fühlt sich alles wie ein Traum an. Auf dem Boden liegend wandern meine Blicke abwechselnd zwischen blauem Himmel und angespannten Gesichtern umher. Mit langsamer Atmung, geschwächtem Körper und wenig Regung, fallen schließlich meine Augen zu.

»Wie fühlst du dich?«, höre ich eine Stimme fragen. Es ist Jorge. Auf einer von Metallfedern durchstochenen Matratze unter feinmaschigem Moskitonetz inmitten einer Holzhütte weckt er mich. Ich erinnere mich an rein gar nichts, was in den vergangenen Stunden passiert ist. Irgendwie muss ich den Weg vom Boot auf die Matratze zurückgelegt haben.

»Sind wir in Iquitos? Meine Medizin ist in der Fahrradtasche …«, nuschele ich benommen und kraftlos vor mich hin.

»Nein, Iquitos liegt weit weg. Wir sind in einem kleinen Ureinwohner-Dorf. Niemand nutzt hier Medikamente, der Amazonas mit seinen Pflanzen ist hier die Medizin der Menschen.« Er reicht mir ein Glas mit dickflüssigem, grünem Saft mit schwarzen kiwi-ähnlichen Kernen.

»Hier, trink das! Eine Mischung aus Heilpflanzen. Er wird dich stärken.« In einem Zug kippe ich den bittersauren und stechend schmeckenden Saft hinunter, der besser aussieht als er schmeckt.

Während Jorges Worte nach einem Meister-Schüler-Dialog aus einem Bruce Lee-Film klingen, versuche ich mich an das Malaria-Infoblatt vom Münchner Tropeninstitut zu erinnern. Doch mein Gedächtnis lässt mich leider im Stich.

»Mein Vater ist Schamane. Für heute Abend bereitet er eine Ayahuasca-Zeremonie vor. Danach fühlst du dich besser«, verspricht Jorge.

»Was ist Ayahuasca?«

»Ein Pflanzensaft, den jeder Dorfbewohner einmal im Monat im Rahmen einer Zeremonie - geführt von einem Schamanen - zu sich nimmt, der Körper und Seele reinigt«, erklärt er.

Eine Internetleitung, Google und Wikipedia entfalten genau in solchen Momenten ihre wahre Stärke und könnten Aufschluss darüber geben, was einem bevorsteht. Ein Blick auf das Handy signalisiert allerdings: kein Netz.

Noch wäre es nicht zu spät, einen Rückzieher zu machen, jedoch möchte mein miserabler Gesundheitszustand nach jedem Strohhalm greifen, der nur ansatzweise eine Besserung verspricht.

Gegen Mitternacht erreichen wir auf dem Wasser eine dunkle Bambus-Hütte auf Holzstegen. Die Ein-Raum-Konstruktion mit fenstergroßen Öffnungen zu jeder Seite und einem großen, aufgespannten Moskitonetz mit darunterliegenden Kissen, Decken, Teppichen und einer Kerze als einzige Lichtquelle wartet auf die Teilnehmer. Ohne Begrüßung nimmt Jorges Vater mit beiden Händen mein Gesicht in seine Hände, schaut mir in die Augen und brummelt unverständlich vor sich hin. Seinen Kopfbewegungen zu entnehmen, ist mein Gesundheitszustand nicht dramatisch. Im Schneidersitz nehme ich gemeinsam mit meinen französischen Freunden den Platz auf den Kissen ein.

Wie der Sohn, ist auch der Vater kein großer Redner. Mit 86 Jahren, asiatischen Gesichtszügen und schwer verständlichem Spanisch erläutert er den Ablauf. Jorge übersetzt kurz und knapp: Ayahuasca trinken, Tabak einatmen, übergeben und liegen bleiben. Geübt bin ich bereits seit mehreren Stunden in Schritt drei und vier. Jorge setzt fort: »Es können unerwartete Nebenwirkungen auftreten wie starker Durchfall und Halluzinationen.«

Wir bilden einen Kreis. Für das Erbrochene gibt’s für jeden eine Holzschale, die vor sich zu platzieren ist.

Jorges Vater reicht nacheinander jedem in einer Holztasse das schwarze Getränk. Eine kurze Geruchsprobe dreht mir sofort den Magen um. Ich atme tief ein, schließe meine Augen und schlucke es herunter.

Dann legt er los. Mit einem trockenen Blumenstrauß wedelnd pustet er den starken, ungefilterten Tabak aus nächster Nähe in unsere Gesichter und singt, als würde er Geister beschwören. Es dauert nicht lange, bis Nico den Kreis verlässt, um den Gang zur Toilette anzutreten. Aurelie und Ezequiel übergeben sich und füllen ihre Schalen nach zwei weiteren Tabakzügen. Allerdings mag der magische Amazonas-Trunk bei mir nicht wirklich anschlagen. Nachdem ich gefühlt eine ganze Marlboro Schachtel eingeatmet habe, fordert mich Jorges Vater auf, mich zu übergeben. Schließlich, nach mehreren Stunden singen, rauchen und pusten landet das letzte Stückchen aus meinem Magen in der Schale und ich auf dem Teppich.

 


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